TRANSNATIONALE GESCHWISTER
Ein Co-Forschungs-Podcast-Projekt
Ein Co-Forschungs-Podcast-Projekt
Wenn wir an Geschwister denken, stellen wir uns oft Brüder und Schwestern vor, die im selben Haushalt oder zumindest in derselben Stadt oder im selben Land aufwachsen. Tatsächlich leben viele Geschwister jedoch in unterschiedlichen Ländern, sei es durch die Migration ihrer Eltern oder ihre eigene. Man spricht dann von „transnationalen Geschwistern“. Obwohl diese Familienform weltweit weit verbreitet ist, wissen wir bislang nur wenig darüber.
Im Jahr 2025 hat sich ein Team aus 11 Co-Forscher*innen, allesamt junge Menschen mit ghanaischem Hintergrund aus Hamburg, gemeinsam mit zwei Universitätsforschenden auf den Weg gemacht, genau das zu untersuchen: Wie ist es, als Geschwister über Ländergrenzen hinweg aufzuwachsen? Wie bleiben transnationale Geschwister in Kontakt? Und wie verändern sich Rivalität und Zusammenhalt, wenn man nicht im selben Land lebt? Hör dir unsere Podcasts an, entdecke unsere Ergebnisse und lerne unten das Co-Forschungsteam kennen!
Hier kannst du unsere Podcast-Folgen entdecken. In Folge 1 interviewt Co-Forscher Michael die Universitätsforscherin Laura zum Hintergrund und zu den Zielen des Co-Forschungsprojekts. Die weiteren 6 Folgen enthalten Interviews, die die Co-Forscher*innen mit jungen Menschen mit ghanaischem Hintergrund in Deutschland geführt haben, die transnationale Geschwister haben.
In jeder Folge reflektieren die Co-Forscher*innen ihre Gespräche und teilen ihre Eindrücke davon, welche Einblicke die Interviews in die Erfahrungen transnationaler Geschwister geben. Einige Episoden sind auf Englisch, andere auf Deutsch und manche in beiden Sprachen verfügbar.
Hier geben wir einen Überblick über die fünf zentralen Themen, die wir in unserer Forschung zu transnationalen Geschwistern zwischen Ghana und Deutschland herausgearbeitet haben.
Transnationale Geschwister sind vielfältig
Transnationale Geschwister sind Brüder und Schwestern, die ihre Kindheit ganz oder teilweise in unterschiedlichen Ländern verbringen. Über diese grundlegende Definition hinaus zeigt unsere Forschung, wie vielfältig ihre Lebensrealitäten sind. Manche haben ihr ganzes Leben getrennt voneinander verbracht, andere sind zumindest zeitweise gemeinsam aufgewachsen. Einige stehen sich sehr nahe und haben regelmäßig Kontakt, während andere eine eher distanzierte Beziehung zueinander pflegen.
Für manche junge Menschen bringt es viele Vorteile mit sich, transnationale Geschwister zu haben, für andere ist es eine belastende oder schwierige Erfahrung. Pauschale Aussagen lassen sich daher kaum treffen: Ob es als positiv oder negativ erlebt wird, hängt stark von den individuellen Lebensumständen und der jeweiligen Familiensituation ab.
Transnationale Geschwisterbeziehungen erfordern Arbeit
Transnationale Geschwisterbeziehungen erfordern Einsatz: Wenn Geschwister unter einem Dach leben, bleibt man meist ganz automatisch in Kontakt. Man sieht sich am Esstisch, geht vielleicht auf dieselbe Schule oder teilt sich sogar ein Zimmer. Für transnationale Geschwister ist es dagegen mit mehr Aufwand verbunden, ihre Beziehung aufrechtzuerhalten. Viele halten vor allem über digitale Medien Kontakt, zum Beispiel über Videoanrufe, Nachrichten oder das Teilen von Fotos und Videos. In manchen Fällen sehen sie sich auch persönlich, etwa bei Besuchen oder während der Ferien, wenn einige unserer Interviewpartner*innen ihre Geschwister in Ghana besucht haben. In all diesen Situationen gilt jedoch: Der Kontakt entsteht nicht von selbst, sondern erfordert bewusste Entscheidungen und Engagement. Nicht alle treffen diese Entscheidung. Manche hatten nie eine enge Beziehung zu ihren transnationalen Geschwistern, bei anderen hat sich der Kontakt im Laufe der Zeit verringert, etwa durch Altersunterschiede, einen vollen Alltag oder fehlendes Interesse.
Transnationale Geschwister können sich dennoch nahe fühlen
Wenn es transnationalen Geschwistern gelingt, den Kontakt aufrechtzuerhalten, können ihre Beziehungen über Ländergrenzen hinweg emotional sehr eng sein und eine wichtige Quelle der Unterstützung darstellen. Durch regelmäßige Videoanrufe, Nachrichten und Besuche teilen sie Unterstützung, Ratschläge und Einblicke in ihren Alltag. Sie finden sogar Wege, in wichtigen Momenten „dabei“ zu sein, so wie Cindy, die per Videoanruf an der Hochzeit ihrer Schwester in Ghana teilgenommen hat. Selbst wenn sie nicht ständig in Kontakt stehen, fühlen sich einige Geschwister allein durch ihre Verbindung stark miteinander verbunden. Diese Nähe kann schnell wieder spürbar werden, sobald sie miteinander sprechen oder sich bei Besuchen wiedersehen. Das ist jedoch nicht immer der Fall: Wie oben beschrieben, sind transnationale Geschwisterbeziehungen sehr unterschiedlich. Manche Geschwister haben keine enge Beziehung zueinander. Das kann mit der räumlichen Distanz und unterschiedlichen Lebensrealitäten zusammenhängen, aber auch mit familiären Spannungen, persönlichen Unterschieden oder Altersabständen, ähnlich wie bei Geschwistern, die zusammen aufwachsen.
Als transnationale Geschwister aufzuwachsen hat Vor- und Nachteile
Einige Kinderrechtsaktivisten argumentieren, dass Geschwister immer zusammenleben sollten und dass die Trennung von Geschwistern, zum Beispiel nach einer Scheidung, für junge Menschen schädlich ist. Man könnte daher annehmen, dass transnationale Geschwister in gewisser Weise darunter leiden, getrennt aufzuwachsen. Das mag in einigen Fällen zutreffen, aber die jungen Menschen, die wir befragt haben, hatten unterschiedliche Perspektiven auf die Auswirkungen von transnationaler Geschwisterschaft. Einige bedauerten, dass sie getrennt von einigen ihrer Brüder und Schwestern aufgewachsen sind und hatten das Gefühl, dass ihnen die Möglichkeit gefehlt hat, mehr Kindheitserfahrungen und Erinnerungen mit ihren Geschwistern zu teilen. Andere fanden das Getrenntleben schwierig, erkannten aber an, dass es sie selbstständiger gemacht oder sie ihren Eltern nähergebracht hat.
Einige unserer Befragten beschrieben transnationale Geschwisterschaft jedoch auch als etwas, das Vorteile mit sich bringt. Zum Beispiel: Erstens globales Wissen, das ihnen Einblicke in andere Lebensweisen und Kulturen auf der ganzen Welt gab; zweitens persönliches Bewusstsein, das ihnen deutlicher machte, wie ihr Aufwachsen ihre Fähigkeiten, Persönlichkeiten und Möglichkeiten geprägt hat und wie unterschiedlich dies hätte sein können, wenn sie an einem anderen Ort aufgewachsen wären; drittens transnationale Netzwerke, die es ihnen ermöglichten, bei Besuchen in ihrem Herkunftsland auf eine Ansprechperson vor Ort zurückzugreifen, die ihnen die besten Orte zum Essen und Ausgehen zeigen konnte.
Transnationale Geschwister verändern Familien
Wer als Geschwister gilt und welche Rollen sie in der Familie einnehmen, unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. In Ghana zählen zu Geschwistern Brüder und Schwestern, die einen oder beide Elternteile teilen, aber auch Cousins, Cousinen und andere junge Menschen, die im selben Haushalt leben. In der Regel hat das erstgeborene Kind die Verantwortung, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern, sie zu erziehen und ihnen etwas beizubringen. Geschwister stehen jedoch nicht isoliert zueinander, sondern sind Teil größerer Familien, zu denen auch Eltern, Onkel, Tanten, Großeltern, Cousins, Cousinen und andere Verwandte gehören.
Wenn Brüder und Schwestern zu transnationalen Geschwistern werden, kann sich das auf ihre Rollen und Verantwortlichkeiten in der Familie auswirken. Zum Beispiel wird ein erstgeborenes Geschwisterkind, das als Jugendlicher oder Jugendliche nach Deutschland migriert, zunächst stark auf die Sprachkenntnisse und das lokale Wissen seiner jüngeren Geschwister angewiesen sein, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, wodurch sich die traditionellen Rollen in der Familie verändern. Dies kann auch beeinflussen, wie Geschwister zu anderen Verwandten stehen. Zum Beispiel könnten sich die Geschwister, die mit ihren Eltern in Deutschland leben, diesen näher fühlen als die Geschwister in Ghana, während die Eltern die Geschwister in Ghana möglicherweise für bessere Fähigkeiten im Haushalt und mehr Disziplin loben, was mit ihrer unterschiedlichen Erziehung zusammenhängt.
Das Projektteam bestand aus 11 Co-Forscher*innen und 2 Universitätsforschern. Hier stellen sich die Teammitglieder vor und erläutern ihr Interesse und ihre Rolle im Projekt.
Mein Name ist Belinda. Ich wurde in Ghana geboren und bin mit 16 Jahren nach Hamburg in Deutschland gezogen. Ich habe viele Familienmitglieder und Freundinnen und Freunde in Ghana, im Vereinigten Königreich und in den USA. Obwohl ich selbst Erfahrung mit transnationalen Beziehungen zu Geschwistern und anderen Familienmitgliedern habe, wollte ich mehr darüber von anderen Menschen erfahren. In diesem Projekt war ich als Co-Forscherin beteiligt und habe viel gelernt. Durch dieses Projekt habe ich außerdem die Inspiration für meine Bachelorarbeit bekommen.
Mein Name ist Blessing. Ich lebe in Hamburg und wurde in Ghana geboren. Mit acht Jahren bin ich nach Deutschland gezogen und habe seitdem eine transnationale Verbindung zu meiner Familie aufrechterhalten. Diese Erfahrung hat mein Interesse daran geweckt, wie Geschwister über Ländergrenzen hinweg in Kontakt bleiben. Ich war Co-Forscherin in diesem Projekt. Zusammen mit meiner Schwester habe ich eine Person mit transnationalen Geschwisterbeziehungen interviewt und auf Grundlage dieses Gesprächs einen Podcast erstellt.
Ich heiße Denzell und ich bin in Hamburg geboren, wo ich auch heute lebe. Meine familiären Wurzeln liegen in Ghana, was mich stark geprägt hat. Als Co-Forscher interessiere ich mich besonders dafür, wie das Aufwachsen in transnationalen Familienbeziehungen das Familienleben beeinflusst – vor allem, wenn Geschwister über Ländergrenzen hinweg leben.
Hallo, mein Name ist Desmond aus Hamburg. Hier bin ich geboren und aufgewachsen aber meine Wurzeln liegen in Ghana. Meine zwei Schwestern haben dort lange gelebt. Ich versuche alle zwei Jahre nach Ghana zu fliegen um meine Familie zu sehen und die Verbindung zu meinen Wurzeln aufrechtzuhalten. Familie bedeutet mir alles, und ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich durch beide Kulturen sammeln konnte.
Mein Name ist Evans. Ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen, meine Familie stammt aus Ghana. Meine Schwester lebt in Ghana, und es interessiert mich besonders, wie Geschwister trotz der räumlichen Trennung miteinander verbunden bleiben. Ich war als Co-Forscher Teil des Forschungsteams und habe durch meine Perspektive zur Arbeit beigetragen.
Mein Name ist Kelvin und ich lebe derzeit in Hamburg. Ich bin in Ghana geboren, bin aber mit 17 Jahren zu meiner Familie nach Hamburg gezogen. Als Co-Forscher finde ich es interessant, wie sich das Leben als transnationales Geschwisterkind auf das Familienleben auswirkt.
Ich bin Laura. Als Forscherin beschäftige ich mich damit, wie das Aufwachsen zwischen Westafrika und Europa das Leben und die Zukunft junger Menschen prägt. Ich bin vor 10 Jahren in die Niederlande ausgewandert und habe Familie in Australien, Großbritannien und Portugal. Ich bin ein Einzelkind, aber als Ehefrau, Tochter und Freundin vieler transnationaler Geschwister fasziniert mich, wie Brüder und Schwestern ihre Beziehungen über Grenzen hinweg aufbauen, pflegen und erleben. Ich habe das Projekt mitgestaltet, die Workshops mitgeleitet und diese Website erstellt.
Ich heiße Manuela und studiere im fünften Semester Sozialökonomie an der Universität Hamburg. Auch wenn ich mich im Studium für den BWL-Schwerpunkt entschieden habe, interessieren mich besonders soziale, ethnografische und persönliche Themen. Erfahrungen mit transnationalen Geschwistern habe ich selbst zwar nicht, aber gerade deshalb fand ich es besonders spannend, im Rahmen dieses Projekts als Co-Forscherin mitzuwirken und neue Perspektiven kennenzulernen.
Mein Name ist Rachel. Ich bin in Hamburg geboren und aufgewachsen, meine Familie kommt aus Ghana. Auch wenn ich keine Geschwister im Ausland habe, finde ich es spannend zu sehen, wie Geschwister trotz räumlicher Distanz in Kontakt bleiben, besonders weil ich selbst im Ausland gelebt habe und ähnliche Erfahrungen mit meinen Schwestern gemacht habe. Ich habe das Projekt zusammen mit Laura geplant und war als Co-Forscherin Teil des Forschungsteams.
Ich bin Vera. Ich bin in Deutschland in einem kleinen Dorf aufgewachsen, wo die Zimmer von meiner Schwester und mir durch eine Tür verbunden waren. Vielleicht interessiere ich mich daher für die Frage, wie Geschwister miteinander kommunizieren, wenn sie weit entfernt voneinander leben. Ich habe das Projekt mit Blick auf die Podcast-Produktion unterstützt.
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