Was sind transnationale Geschwister?
‘Transnationale Geschwister’ sind Brüder und Schwestern, die in unterschiedlichen Ländern leben und aufwachsen.. Wie dies in der Praxis aussieht, ist von Familie zu Familie unterschiedlich. In einigen Fällen werden transnationale Geschwister in verschiedenen Ländern geboren (z. B. einige vor und andere nach der Migration eines Elternteils) und leben immer getrennt. In anderen Fällen verbringen sie einen Teil ihrer Kindheit zusammen und einen Teil getrennt, wobei sie durch ihre eigene Migration getrennt oder wieder vereint werden.
Was ist bereits über transnationale Geschwister bekannt?
Die kurze Antwort lautet: nicht viel! Es gibt zahlreiche Forschungsarbeiten zu transnationalen Familien, also Familien, die über zwei oder mehr Länder verteilt sind. Diese konzentrieren sich jedoch meist auf Eltern-Kind-Beziehungen, zum Beispiel darauf, wie Migrant*innen mit ihren Kindern im Herkunftsland in Kontakt bleiben und für sie sorgen.
Die meisten Studien zu Geschwistern befassen sich dagegen mit Brüdern und Schwestern, die zusammen aufwachsen. Einige wenige Untersuchungen haben sich damit beschäftigt, wie erwachsene Geschwister ihre familiären Verpflichtungen, etwa die Pflege älterer Eltern, über Ländergrenzen hinweg organisieren. Weitere Studien untersuchen, wie Migranteneltern die Beziehungen zu ihren Kindern in verschiedenen Ländern gestalten. Es gibt jedoch fast keine Forschung zu jungen transnationalen Geschwistern.
Warum transnationale Geschwister erforschen?
Aus der Forschung zu jungen transnationalen Geschwister lässt sich viel lernen. Erstens können transnationale Geschwisterbeziehungen aufzeigen, wie sich Familie in einer zunehmend vernetzten, aber ungleichen Welt verändert. Aus der Forschung wissen wir, dass typische Dynamiken zwischen Geschwistern wie Vergleiche, Konkurrenz und Fürsorge beeinflussen, wie junge Menschen aufwachsen und wer sie als Erwachsene werden. Geschwisterbeziehungen spielen auch bei anderen familiären Fragen eine Rolle, etwa bei Erbschaften oder der Pflege älterer Eltern. Aber was passiert in solchen Situationen, wenn Geschwister in unterschiedlichen Bildungssystemen, Kulturen, Arbeitsmärkten und sozialen Sicherungssystemen aufwachsen?
Zweitens kann die Forschung transnationaler Geschwister dazu beitragen zu verstehen, wie junge Menschen sich ihre Zukunft vorstellen und planen. Viele transnationale Geschwister bleiben durch Besuche und digitale Medien miteinander in Kontakt und tauschen Informationen, Geschichten und Ratschläge aus den verschiedenen Ländern aus, in denen sie leben. Sie können daher einen großen Einfluss darauf haben, wie junge Menschen über ihre Zukunft nachdenken und wichtige Entscheidungen treffen, etwa ob sie migrieren und welche Bildung oder Berufe sie anstreben.
Warum ist Ghana-Deutschland eine relevante Fallstudie?
Bis zum Jahr 2100 wird die Hälfte der Jugendlichen weltweit aus Afrika stammen. In Europa bilden Jugendliche mit afrikanischem Hintergrund die größte Gruppe unter den Jugendlichen nicht-europäischer Herkunft. Jugendliche mit ghanaischem Hintergrund, die in Deutschland leben, sind aus verschiedenen Gründen eine relevante Fallstudie für die Erforschung transnationaler Geschwister. Erstens sind Ghanaer stark transnational vernetzt und mobil. Fast die Hälfte aller Haushalte in Ghana hat mindestens ein Familienmitglied im Ausland, und viele reisen regelmäßig „nach Hause“, um Familie und Freundinnen und Freunde zu besuchen. Zweitens ist es in ghanaischen Familien üblich, dass Kinder zwischen verschiedenen Haushalten wechseln, sodass Geschwister manchmal getrennt leben. Schließlich ist Deutschland eines der wichtigsten europäischen Zielländer für Menschen aus Ghana, und Hamburg ist die Stadt mit der größten ghanaischen Community in Deutschland.